2015-07 S Sundsvall

Der geografische Mittelpunkt von Schweden – Sundsvall

Eine Stadt hält viele Überraschungen bereit. Heute passiert einfach alles anders, der Tag beginnt um 1.00 Uhr mit Begrüßung durch die jugendlichen Einwohner, im weiteren Verlauf entdecke ich die Ausbildungsstätte der Motorradfahrer Nordeuropas, ein schwedisch sprechender, indischer Obst – und Gemüsehändler verkauft mir endlich wirklich scharfe Chilis, ich bewundere monumentale Kunstwerke auf ausgedehnten Einkaufcenter Großparkplätzen und abschließend verfalle ich hoffnungslos dem Kaufrausch, aber der Reihe nach.

Schweden Sundsvall

Ein ohrenbetäubendes Hubkonzert, laut röhrende Motoren, ich stehe senkrecht im Bett und kann mich nicht so richtig über die Begrüßung der jungendlichen Einwohner Sundsvalls freuen. Dabei ist es gerade einmal 1 Uhr morgens und sie wollen uns, den abseits des Güterbahnhofs stehenden Wohnmobilen doch nur zeigen, dass ihre Stadt etwas mehr zu bieten hat, als schnöde Architektur und langweilige Fast Food Läden.

Sie sammeln sich nach ein paar Aufwärmungsrunden in der Mitte des Platzes, mittlerweile ist auch der eine oder andere Nachbar der angrenzend wohnenden Sinti und Roma zur Begutachtung des Spektakels mit gezückter Kamera erschienen. Schmerzensschreie von sich gebend, heulen die Motoren auf, die Wagen beginnen ihren nächtlichen Tanz, die Räder malen kunstvolle Doppelstreifen in parallelen Figuren auf den Platz.

Leider wird die gesamte Performance schon nach wenigen Sekunden durch schwarze, stinkende Rauchwolken verbrannten Gummis dermaßen gestört, dass man nichts mehr sieht, schade. Weitere Sekunden später ist alles vorbei. Die Künstler müssen sich auch beeilen, denn es finden in dieser Nacht auf zahlreichen anderen Plätzen noch weitere Auftritte statt. Schon am Morgen des nächsten Tages konnte ich die Kunstwerke in einem Giga-Einkaufcenter am Rande der Stadt bestaunen. Kornkreisen gleich, sind alle asphaltenen Abstellflächen mir riesigen geometrischen Formen verziert. Hier und da eine in neue Richtung verformte Absperrbarriere, ein zertrümmerter Kotflügel und eine senkrecht mit Bedacht drapierte Plastikstoßstange runden das Gesamtensemble ab. Was wollen uns die Künstler damit sagen? Es ist ein Aufschrei, eine Demonstration, eine Aussage. Wir sind nicht uncool, bieder und spießig. Wir sind das neue Schweden. Schade nur, am nächsten Tag ist alles vorbei. Fast jedenfalls:

Die Nacht war von kurzer Dauer. Gegen 7.00 Uhr donnern schon wieder motorisierte Horden durch meine Schlafkoje. Im Laufe der Jahre habe ich mich schon oft gefragt, wo kommen eigentlich alle diese zweirädrigen, hubraumgewaltigen PS Monster auf die Straßen, ich meine wo werden alle diese Menschen ausgebildet und animiert, um auch noch Spaß daran zu finden, mit ohrenbetäubendem Lärm durch unsere Natur zu ballern, Angst und Schrecken zu verbreiten.

Ich habe sie gefunden, sie sind es, die mich hier am frühen Morgen um den wohlverdienten Schlaf bringen. Eine ganze wilde Bande übt hier seit Sonnenaufgang das Beschleunigen von 0 auf xxx, das Slalomfahren, das Fahren mit Beifahrer, und natürlich das kräftig am Gasgriff drehen und den Motor mit 10.000 Umdrehungen zum Schreien bringen. An Schlaf, ist dabei natürlich nicht mehr zu denken und so fahre ich mit dem geräuschlosen Rad zum Marktplatz, um eventuell ein paar scharfe Chilis zu ergattern. Der Chilikauf am Vortag war eher so eine mäßig würzige Paprikaschote.

Das riesige Gemüseverkaufszelt ist zu so früher Stunde noch im Aufbau begriffen, der oberste Gemüsehändler versteht nicht so ganz was ich meine, aber einer seiner Angestellten versteht schon „spicy„ und will mir wieder die laschen Exemplare vom Vortrag andrehen. Nach kurzem hin und her in englisch und schwedisch, aha: „Indian or Chinese cuisine„, ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht und ein Griff unter den Holztresen fördert ein paar schrumplige rote Schoten hervor, wenige Kronen wechseln den Besitzer und stolz ich ziehe von dannen.

Um es abzukürzen, vorsichtshalber habe ich nur eine halbe Schote für mein erstes Gericht geschnitzelt, schon nach zwei Tagen hatte ich wieder ein deutlicheres Tastgefühl in meinen Handinnenflächen, das Brennen hatte etwas nachgelassen. Komischerweise war das Essen, ja, es war schon scharf, aber nicht unangenehm. Aber per Hand werde ich die Dinger nicht wieder anfassen und schon gar nicht anschließend, um zum Zweck des Wasserlassen, das entsprechend dafür vorgesehene Organ in die richtige Richtung zu leiten, es war die Hölle. Er wurde richtig rot, als wenn er sich schämt …

Die Kornkreise Schwedens bewundernd, tingele ich so durch das Einkaufsparadies im Norden an der Stadtgrenze von Sundsvall, da ruft er mich schon von weitem, der XXL Einkaufshop für Out- und Indoor. Meine beiden Wanderhosen sind zerschlissen und dem Verfall preisgegeben, etwas Neues muss her, ich betrete den Laden.

In diesem Moment habe ich verloren, den Kampf gegen Kommerz und Konsum, alle guten Vorsätze sind dahin. Es existiert aber auch kein Zettel: Kaufe eine Wanderhose, Preislimit 50-60 EUR! Nein, das wäre zu einfach. Der Laden ist IKEA konform aufgebaut, es gibt nur einen Weg hindurch und der führt an allen! Warengruppen vorbei, eine Abkürzung wäre nur unter Gewaltanwendung möglich. Glücklicherweise scheint es in Schweden nicht so viele XXL Größen an Jacken zu geben, da mittlerweile eher der XXXL und mehr Bereich gefragt ist und einen Wagen oder Korb habe ich auch nicht mitgenommen und aus diesen Gründen kam ich noch relativ unbeschadet aus der Falle heraus.

Das Angebot war auch einfach zu verlockend, eine Wanderhose habe ich gefunden, richtige Wanderschuhe brauchte ich eigentlich auch. Barfuß war ich im Laden, wie nun die Wanderschuhe ausprobieren, Socken hatten sie zu verkaufen und der arme Hund, sein Geschirr hatte ich mal in Spanien von Job und Edith gebraucht und gefunden, geschenkt bekommen, das war auch schon ganz zerfleddert. Außerdem haben sie anstandslos meine Kreditkarte auch ohne PIN genommen und nett waren auch alle. 🙂

Eine Innenstadt mit einer Fußgängerpassage gibt es in Sundsvall auch. Ein paar Steinhäuser um einen riesigen leeren Marktplatz, ein Stadtmuseum, ein Kammerorchester, ein Gräberfeld, Schwedens größtes Ukulelenorchester mit 80 Mitgliedern und eine „Drachenparade“ aus irgendwelchen bunten Plastikdrachen. Ansonsten jede Menge Autos und ein Kasino.

Sundsvall bei Wikipedia

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