Was ist hier eigentlich los, alles Schwindel oder was?

Was ist denn hier eigentlich los? Nicht mehr viel wird sich der eine oder andere gedacht haben, seit mehr als zwei Jahren herrscht hier Funkstille. Was ist eigentlich passiert, fragten auch einige Leser.

Das neue Jahr möchte ich nutzen, etwas Aufklärung in die Fragen zu bringen. Jedenfalls versuche ich es da mir das längere „computern“ noch immer schwer fällt.

Meine letzten Einträge stammen von Ende September 2015.
Die Grenze nach Frankreich hatte ich überschritten; zu der Zeit noch ohne vermummte, Maschinenpistolen tragende gefährlich aussehende Jünglinge, aufgereiht hinter endlosen Panzersperren. Den Abend dieses Tages und folgende unzählige Stunden werde ich in den Katakomben des Klinikums in Grenoble in der Notaufnahme verbringen. Aber das ist nur der Anfang einer Odyssee quer durch das Gesundheitssystem, der Heiler und Götter in weiß, die mich in den nächsten Wochen und Monaten erwartet. Nicht das ich darin so ganz unerfahren wäre, aber immer der Reihe nach.

Saint-Pierre-de-Chartreuse – in den Alpen

Der Tag Ende September 2015 begann in den französischen Alpen, in dem kleinen Ort Saint-Pierre-de-Chartreuse mit einem Sonnenstrahl, einer sauberen, klaren Luft aus den Bergen des Chartreuse-Gebirges und einer ausgiebigen Wanderung durch die herrliche Bergwelt.

Am Abend voller Energie und Lebenslust zurückgekommen, schlug das Schicksal mit einem Vorschlaghammer zu. Die Welt um mich herum geriet in Drehung, der Boden unter mir nur noch eine schwammige, instabile Masse. Keinen Schritt konnte ich mehr vor den anderen setzen, ich lag nur da und das Karussell drehte sich weiter. Ein Nachbar kam zur Hilfe, der Schwindel ließ etwas nach, um nur wenige Minuten später mit erneuter Heftigkeit zuzuschlagen.

Ein nebenan wohnender Deutscher, der Franz beaufsichtigte Timo und ich rief den Notarzt. In einem Kauderwelsch aller Sprachen verstand man mich letztendlich und dann ging alles sehr schnell. Innerhalb von 10 Minuten wimmelte es auf dem kleinen Wohnmobilstellplatz von Rettungsfahrzeugen, Sanitätern und Notärzten. Ein Passant übersetze ins Französische und weitere wenige Minuten später befand ich mich im Krankenwagen auf dem Weg in das 35 Kilometer entfernte Grenoble.
Noch ahnte ich nicht, hier bahnte sich wieder einmal in meinem Leben unverhofft eine heftige Wendung an. Es ging in eine neue Richtung, verbunden mit Angst, Unsicherheit und dem Gefühl des Ausgeliefertsein.

Notaufnahme Grenoble

Erst einmal begann alles mit wenig Bürokratie, einfach die deutsche Krankenkassen Karte abgegeben und das war es auch schon. Ab in den Souterrain zu den anderen Notaufgenommenen. Der Keller platzte aus allen Nähten, überall stöhnende, schreiende und leidende Menschen.
Die wenigen Aufnahmeräume sind hoffnungslos überlastet, verarztet wird im Flur, Frauen, Männer und Kinder. Privatsphäre und Schamgefühl bleiben zu Hause. Es ist wie eine riesige Walze aus menschlichen Tragödien und Leid, die sich durch den Stahlbeton wälzt. Ein Wust aus Pflegern, Ärzten, Service Kräften versucht, dem Durcheinander Herr zu werden. Trotz der Hektik der gigantischen Aufgabe gibt es immer ein Lächeln, ein paar freundliche Worte, einen Händedruck.

Und, es bewegt sich etwas. EKG, Blutdruck und nach wenigen Stunden liege ich auch schon in einem gigantischen, futuristischen Saal, ein MRT des Kopfes wird erstellt. Nach einer kurzen Zwischeninformation, es gibt bisher keinen Befund, keinen Herzinfarkt, keinen Schlaganfall. Endlose Stunden warte ich im fensterlosen Verlies. Gegen Nachmittag erfolgen weitere Untersuchungen in der HNO. Angeschnallt an einen drehbaren fernbedienbaren Stuhl werde ich hin und her gedreht, kaltes und warmes Wasser in die Gehörgänge gespült. Der Befund, nun etwas wage, der Schwindel kommt vom Ohr, in ein paar Tagen solle ich wieder vorstellig werden. Das war es erst einmal. Der Schwindel hat mich nicht verlassen, aber ich kann langsam gehen, ordere ein Taxi und fahre in mein rollendes zu Hause. Schlafen, Schlafen, alles vergessen.

In den nächsten Tagen hoffe ich auf die Wirksamkeit der Medikamente, lese viel bei Dr. Google, bin hinterher so schlau wie vorher, eher verwirrt. Die Vielzahl der Diagnosen und Krankheitsbilder erschlägt mich. Laufen kann ich nur kurze Wege mithilfe eines Wanderstockes, um nicht auf dem nassen glitschigen Boden auszurutschen und hinzufallen.

Der Schwindel ist nicht ständig und allgegenwärtig, ich beschließe die 35 Kilometer nach Grenoble zur Nachuntersuchung zu fahren. Langsam mit 25 km/h lasse ich mich den Berg nach Grenoble herunterrollen. Dort finde ich nach langem Suchen einen Parkplatz, das Klinikum ist per Straßenbahn zu erreichen. Viele Untersuchungen erfolgen, ohne einen wirklichen Befund, hätte, könnte, sollte ….

Vielen unendliche Tage vergehen, zeitweise habe ich „lichte“ schwindelfreie Momente und nutze die, mich in Mini-Etappen gen Norden zu bewegen.

Universitätsklinikum Freiburg

Einen Monat später habe ich die 550 Kilometer nach Freiburg geschafft, werde dort über die Notaufnahme der Uniklinik stationär aufgenommen. Alle erdenklichen Untersuchungen werden mit einem Riesen Aufwand an Personal und Technik durchgeführt, und? Nach mehreren Tagen steht fest:
„Mit Hilfe unserer umfangreichen Diagnostik konnte ein Vestibularisausfall auf der linken Seite als Ursache des Schwindels diagnostiziert werden. https://de.wikipedia.org/wiki/Neuritis_vestibularis
Behandelt wurde mit Prednisolon, intravenös in hohen Dosen.

Jetzt nehme ich es einmal vorweg:    Das war es definitiv nicht!

Schwindel, Hörverlust und Ohrgeräusche – Vestibularisparoxysmie – Und nun?

Man muss nicht lange suchen, eine Kapazität auf dem Gebiet ist die Privatpraxis Dr. med. Bodo Schiffmann aus der Schwindel Ambulanz Sinsheim. Das Team arbeitet sehr freundlich und effizient, nach einer Unmenge an Untersuchungen steht im Abschlussgespräch die Diagnose fest, Vestibularisparoxysmie.
Irgendeine Ader hat sich mit irgendeinem Nerven verbandelt. Durch das Pulsieren der Ader entsteht Schwindel, Hörverlust und Ohrgeräusche. Klingt logisch, auch noch nach zwei Jahren.
Das Problem, es gibt keine Lösung den Schwindel dauerhaft loszuwerden. M
an muss lernen damit zu leben, und das ist manchmal nicht ganz einfach. Alles was harte Schläge auf den Körper ausübt ist zu meiden, d.h. eigentlich jegliche Bewegung. Fahrradfahren auf Pisten ist nicht möglich, schnelle Bewegungen sind generell zu meiden, laufen ist in Ordnung, Auto fahren am komplikationslosesten mit der Mercedes, auf dem weichen, luftgefederten Sitz. Auf der Couch liegen und lesen ist noch besser. Computern ist nicht so gut, da die Augen den gestörten Gleichgewichtssinn ausgleichen und schnell ermüden. Kaffee ist kontraproduktiv, Alkohol in geringer Dosierung eher fördernd. 

Es gibt eine Diagnose aber keine Reparaturmöglichkeit. Tabletten haben zu viele Nebenwirkungen, bei der neun-stündigen OP wird einem ein walnussgroßes Loch in den Schädel gebohrt und versucht die Arterie vom Nerv zu trennen. Erfolgschancen maximal 50%, die anderen 50% können eher eine Verschlechterung bedeuten.

Mittlerweile lebe ich damit über zwei Jahre, und wie ging und geht es weiter? Einiges ist passiert, viele Länder haben wir trotzdem bereist, gelebt und geliebt, und vor allem nicht mehr alleine.

Bis demnächst.

Tracks seit 2015

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